Über Wässerwiesen und Wacholderheiden

22.08.2017

„Wir entdecken heute Sichtbares, Unsichtbares, Vergessenes und Wiederbelebtes“,

eröffnete Naturparkführerin Irene Kessler-Stenger die lehrreiche Rundwanderung, die über einen Teil der Spessartfährte „Jossgrund-Runde“ verlief. Eine erfreuliche Zahl an Teilnehmern aus Spessart und Vogelsberg hatte sich pünktlich am Burgwiesenpark eingefunden. Auf der 14 Kilometer langen Strecke erfuhren die Wanderer Wissenswertes über Mythen und Legenden, die um Bäume und Büsche ranken. Früher genossen diese in der Volksmedizin einen hohen Stellenwert. Der Holunder galt als Sitz des guten Hausgeistes. Eine noch größere Wertschätzung wurde dem Wacholder entgegengebracht, wie in dem Sprichwort „Vor dem Holunder sollst du den Hut ziehen und vor dem Wacholder niederknien“ deutlich wird. Heute forscht das Senckenberg-Institut über seine nachlassende Verbreitung. Darüber hinaus informierte die Naturparkführerin die Teilnehmer über die sich stetig verändernde Kulturlandschaft, die sich immer mehr zu einer Agrarindustrielandschaft zu wandeln scheint. Auch die 200 Jahre andauernde Armut im Spessart, die heute noch der Region anhaftet, wurde erwähnt. Zunächst machte die Gruppe einen Abstecher in den Burghof. Dort gab Kessler-Stenger kurze Einblicke in die Historie der Wasserburg, die heute das größte Forstamt Hessens beherbergt. Vor den Toren des geschichtsträchtigen Gebäudes sind noch Relikte aus einer vergangenen Zeit sichtbar, in der die Menschen fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebten: die sogenannten Wässerwiesen. Anhand alter Fotos erläuterte die Naturparkführerin das Konzept, bei dem das Wasser in Gräben und von dort über Hänge und Wiesenrücken geleitet worden ist. In Burgjoß ist das Wiesenstück, das die Methode erinnert, Teil eines Pflegekonzeptes der Gemeinde. Auch in den anderen Ortsteilen gab es Wässerwiesen. In Pfaffenhausen soll sich bei einem Streit um das kostbare Gut Wasser sogar ein Todesfall ereignet haben. Der Termin der Wanderung lag mitten in den „Frauendreißigern“, der Zeit zwischen dem 15. August (Maria Himmelfahrt) und dem 15. September (Kreuzerhöhung), in der in katholisch geprägten Gegenden Kräuter geweiht werden. „Jetzt befinden sie sich in ihrer größten Entfaltung“, klärte Kessler-Stenger die Zuhörer auf. Kräuter hätten die Menschen schon immer gesammelt und in alten Kulturen geopfert. Dies habe die katholische Kirche als falschkultig angesehen. Später fand das Kräutersammeln wieder Raum im Marienkult. Wegen ihrer Heilwirkung galten die Kräuter als Beweis für die Existenz Gottes. Am Uferpfad entlang der Jossa waren Kräuter anzutreffen, die in die Würzbüschel kommen: Wiesenknopf, Sumpfschafgarbe, gelber Rainfarn, Johanniskraut, Beifuß, wilde Malve und viele mehr. Manches vergessene Kraut hat sich inzwischzen einen Platz zurück erobert. Vorbei am Gewerbegebiet, dem Areal der „neuen Aussiedlerhöfe“, ging es hinauf zum „Steinigen Berg“. Am Wegrand gibt es ein Kreuz, dessen Korpus weibliche Züge aufweist und fast an die fiktive Volksheilige Wilgefortis oder Kümmernis erinnert. Nach einem längeren Wegstück durch den Auragrund erreichte die Gruppe den „Stackenberg“ (465 m) mit seiner einzigartigen Heidelandschaft. Es schien, als sei man in einer anderen Welt angekommen. Gekrönt wurde der „Glücksmoment“ mit einer hochprozentigen Kostprobe der Wacholderheide und einer Rast an der Bürgermeister-Kröckel-Hütte mit einem wunderbaren Ausblick. Auf dem Weg hinunter ins Tal ist das historische Wasserwerk zu sehen. Das damit verbundene für die Ewigkeit angelegte Wasserrecht für die Merneser Bevölkerung ist heute noch ein konfliktbeladenes Thema. In Mernes angekommen, inspizierte die Gruppe die Sankt-Peters-Kirche, bevor es durch das Jossatal zurück zum Ausgangspunkt ging.

 

(Quelle: Gelnhäuser Neue Zeitung)